Interview mit Herrn Prof. Michael Linden

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Prof. Michael Linden

Vermeidung macht alles schlimmer

Eine Arbeitsplatzphobie ist die schwerste Ausprägung von verschiedenen arbeitsplatzbezogenen Ängsten. Häufig führt sie zu einer lang andauernden Arbeitsunfähigkeit bis hin zur vollen Erwerbsunfähigkeit. Über die Ursachen dieser psychischen Erkrankung und wie man ihr entgegenwirken kann, darüber sprach Prävention aktuell mit dem Rehabilitationsforscher und Psychotherapeuten Professor Michael Linden.

Herr Professor Linden, Sie behandeln unter anderem Patienten, die unter einer Arbeitsplatzphobie leiden. Was versteht man darunter?

Jede Situation kann grundsätzlich Angst auslösen, sei es, weil dies angeboren ist oder weil man ängstigende Erfahrungen gemacht hat. Dies gilt auch für den Arbeitsplatz als Ort, sowie vor Situationen, Gegenständen oder Personen, die mit dem Arbeitsplatz oder Arbeitsleben in Verbindung stehen. Von einer Phobie spricht man dann, wenn diese Angst bei Annäherung oder schon beim Gedanken an eine derartige Situation panikartige Ängste auslöst und dazu führt, dass Betroffene die Flucht ergreifen.

Können Sie das an konkreten Beispielen erläutern?

Eine Patientin wurde dreimal in zwei Monaten als Bankangestellte in einen Bankraub verwickelt und hatte danach panikartige Ängste wieder in die Schalterhalle zu gehen. Ein Mann ist von seinem Chef öffentlich kritisiert worden. Er fürchtet sich seitdem vor den Kollegen, die seine Blamage miterlebt haben und vermeidet nun jeden Kontakt. Eine Angestellte hat gelesen, dass Feinstaub aus dem Laserdrucker gesundheitsschädlich sein kann. Seitdem entwickelt sie eine zunehmende Angst vor Räumen, in denen ein Drucker steht. Ein Patient hat sich in seiner depressiven Phase völlig insuffizient gefühlt. Inzwischen ist die Depression abgeklungen, die Insuffizienzerinnerung aber bleibt. Beim Gedanken an einer Rückkehr an den Arbeitsplatz bekommt er Panik und verlangt eine Fortführung der Krankschreibung.

Könnte eine Krankschreibung die Ängste auch verstärken?

Eine Krankschreibung erscheint zunächst einmal gerechtfertigt, da eine Annäherung an den Arbeitsplatz ja die Symptomatik verschlimmert, so wie eine Annäherung an die U-Bahn die Angst bei einer Agoraphobie verstärkt. Die Krankschreibung – also die Vermeidung des Arbeitsplatzes – führt aber leider zu einer Angstverstärkung bei den Betroffenen. Das gilt für die U-Bahn-Phobie genauso wie die Arbeitsplatzphobie.

Sind Ihrer Meinung nach bestimmte Berufsgruppen besonders gefährdet? Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede?

Der Arbeitsplatz ist ein Lebensbereich, an dem es mehr angstauslösende Stimuli gibt als in jedem anderen Lebensbereich. Es gibt Chefs die Noten geben und sanktionieren, es gibt ein Leistungsversagen vor den eigenen Ansprüchen, es gibt Auseinandersetzungen und Rivalitäten mit Kollegen, Kunden, Schüler oder Patienten und Unfallgefahren. Derartige angstauslösende Stimuli sind über die verschiedenen Berufe und damit auch geschlechtsspezifisch ungleich verteilt. So leiden beispielsweise Mitarbeiter in großen Behörden oder Verwaltungen besonders häufig unter sozialen Ängsten vor speziellen Personen, Servicemitarbeiter unter sozialen Ängsten allgemein, Polizisten, Feuerwehrleute oder Zugführer unter posttraumatischen Ängsten.

Kann eine Arbeitsplatzphobie auch im Zusammenhang mit einer generellen Angsterkrankung stehen?

Menschen mit psychischen Erkrankungen sind besonders gefährdet, auch am Arbeitsplatz Ängste zu entwickeln. Wer unter einer “Generalisierten Angsterkrankung” leidet, d.h. unter einer ständigen Katastrophenerwartung, wird dieses Problem auch am Arbeitsplatz haben und ständig in Sorge sein, er könne etwas falsch machen oder es könnte etwas Schlimmes passieren. Wie der angeführte Fall eines depressiven Patienten zeigt, sind auch alle anderen psychischen Störungen als Risikofaktoren für die Entstehung einer arbeitsplatzbezogenen Angst anzusehen.

Wie viele Betroffene gibt es?

Dies können wir nicht mit Sicherheit sagen, da uns keine epidemiologischen Untersuchungen bekannt sind. Wir gehen aber davon aus, dass Arbeitsplatzängste häufig sind, zu schwerwiegenden Beeinträchtigungen der Arbeitsfähigkeit führen und oft von den Betroffenen kaschiert bzw. von Ärzten nicht erkannt werden. Jeder Arzt aber kennt Patienten, die vor allem am Montag eine Krankschreibung erbitten unter Angabe eher unspezifischer Beschwerden. Ich kenne beispielsweise Herzinfarkt-Patienten, die – trotz eines guten medizinischen Rückgangs der kardialen Situationen – auf keinen Fall wieder zurück an die Arbeit wollen. Sie fürchten sich in Wahrheit vor dem Arbeitsplatz, weil dieser ja Stress und damit einen Reinfarkt auslösen könnte.

Wie kann man eine Arbeitsplatzphobie diagnostizieren?

Man muss das Syndrom kennen, daran denken und gezielt untersuchen.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Die Behandlung folgt denselben Regeln wie die Behandlung jeder anderen Angsterkrankung. Das Problem ist aber, dass man an den Arbeitsplatz nicht so leicht rankommt wie an ein Kaufhaus oder eine U-Bahn – Expositionsübungen sind bei einer Arbeitsplatzphobie kaum möglich. Hier müssen dann andere Alternativen gefunden werden. Wenn immer möglich machen wir mit den Patienten aber gezielte “Belastungserprobungen!” am eigenen Arbeitsplatz.

Mit dem Therapeuten zurück ins Büro? Werden die Betroffenen dadurch nicht noch mehr verängstigt?

Dies ist eben eines der Probleme, die die Behandlung von Arbeitsplatzängsten erschweren. Hier muss man je nach Einzelfall kreative therapeutische Lösungen finden.

Worauf sollte jeder Einzelne achten, damit es gar nicht so weit kommt?

Jeder Mensch hat die Fähigkeit zur Angstbewältigung. Wer vom Pferd gefallen ist, einen Unfall erlitten hat oder eine Auseinandersetzung mit einer anderen Person durchzustehen hatte wird Angstgefühle entwickeln. Wenn man der Versuchung nicht nachgibt, das Pferd von da an stehen zu lassen, sondern sich aktiv der Angst stellt, kann man sie besser kontrollieren. Vermeidung hat etwas Verführerisches, macht aber alles nur schlimmer.

Und wie sieht es bei Ihnen aus? Sind Sie ein ängstlicher Mensch oder leiden Sie sogar an irgendeiner Phobie?

Ich würde mich selbst nicht als ängstlich einschätzen. Dennoch habe ich, so wie alle Menschen, viele Ängste und auch Phobien. Beispielsweise macht es mir Probleme auf der Besucherplattform des Funkturms in Berlin zu stehen. Das ist eine allen Menschen bekannte und angeborene Höhenangst. Dennoch gehe ich immer wieder einmal mit Gästen dorthin und stelle ich mich extra ganz vorne hin, so lange bis das blöde Gefühl im Bauch nachlässt.

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: In welchen Bereichen muss intensiver geforscht werden, um das komplexe Problem besser zu verstehen zu können?

Da die Forschung über Arbeitsplatzängste noch ganz am Anfang steht, muss noch sehr viel getan werden. Außer den Arbeiten der eigenen Forschungsgruppe gibt es international nur eine neuseeländische Arbeit zum Thema Arbeitsplatzphobie. Die Berufsgenossenschaften sollten dringend größere Forschungsprojekte anstoßen.

Das Interview führte Jens Meiselwitz
info@praevention-aktuell.de

Zur Person

Professor Michael Linden ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Psychologischer Psychotherapeut. Seit 1998 ist er Leiter der Abteilung Verhaltenstherapie und Psychosomatik am Rehabilitationszentrum Seehof der Deutschen Rentenversicherung Bund in Teltow. Gegenwärtig leitet er die Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation an der Charité Universitätsmedizin Berlin.