Interview mit Herrn Priv.- Doz. Dr. med. Detlev Jung

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Priv.- Doz. Dr. med. Detlev Jung

Arbeit als Lebenssinn?

“Psychische Belastungen” ist ein zentrales Thema für alle, die mit Fragen der Sicherheit und der Gesundheit im Betrieb befasst sind. 47 Fachautoren liefern im “Praxishandbuch psychische Belastungen im Beruf” sowohl fundiertes Hintergrundwissen wie auch Anregungen für die Prävention im Betrieb und im Privatleben. Einer der Herausgeber, Priv.-Doz. Dr. Detlev Jung (Bild), im Interview.

Priv.-Doz. Dr. Detlev Jung, Leitender Betriebsarzt beim ZDF und Privatdozent an der Universität Mainz, ist einer der Herausgeber des Praxishandbuchs. Gemeinsam mit seinem Sohn Johannes Jung geht er der Frage nach, inwieweit das Verständnis von Arbeit, ihrer Notwendigkeit und der durch sie hervorgerufenen psychischen Belastung mit der Einstellung zu der Zeit und der Suche nach einem Lebenssinn in Verbindung steht.

Herr Dr. Jung, Sie berichten aus Ihrer betriebsärztlichen Praxis, dass von Patienten häufig beklagt wird, ihre derzeitige Tätigkeit sei nicht erfüllend genug und der wahre Sinn nicht erkennbar. Die möglichen Folgen seien Motivationsverlust oder auch Gesundheitsstörungen. Worin bestehen Ihrer Meinung nach die Ursachen dafür?
Das, was Sie in Ihrer Frage beschreiben, ist das, was man gemeinhin unter Stress und seinen Folgeerscheinungen subsumiert. Es muss angemerkt werden, dass die Klientel, die mit diesen Fragestellungen in die betriebsärztliche Praxis kommt, ein durch Selektionsbias verzerrtes Bild der Gesamtbelegschaft darstellt. Es kommen die, die sich durch die Verhältnisse am Arbeitsplatz belastet, möglicherweise gefährdet fühlen. Außerdem Kollegen und Vorgesetzte, die eine solche Gefährdung sehen und immer mehr auch diejenigen, die diese Thematik im Betrieb für relevant halten. Sehr häufig spielt bei diesen Klagen die Frage der Zeit und des Gefühls, davon zu wenig zu haben, direkt oder indirekt eine wichtige Rolle. Unser Betrachtungsansatz gründet nun darin, sich zu fragen, warum eigentlich die Zeit dem Menschen so wichtig ist, weshalb wir mit der Lebenszeit knausern und welche Auswirkungen dies auf das heute vorherrschende Lohnarbeitsverhältnis hat.

Können die einzelnen Arbeitnehmer an ihrer Einstellung zur “verkauften Lebenszeit” etwas ändern, können sie an einer Veränderung arbeiten? Und falls ja, wie? Können Vorgesetzte einen positiven Einfluss nehmen?
Die Arbeitswelt innerhalb eines Betriebes und die Einordnung des Betriebes in den gesellschaftlich-wirtschaftlichen Rahmen sind zunehmend komplex geworden. Dementsprechend problematisch ist es für den Arbeitnehmer zu erkennen, ob die gegen Lohn dem Betrieb zur Verfügung gestellte Arbeits- und damit Lebenszeit gut verwendet wird. Hier im großen Rahmen wie im täglichen betrieblichen Alltag Transparenz zu schaffen, ist Aufgabe der Vorgesetzten. Die Einflussmöglichkeiten der Vorgesetzten haben ihre Grenzen, wenn es auf die Bereitschaft der Arbeitnehmer ankommt, sich rational mit dem Inhalt und den Bedingungen der Arbeit auseinanderzusetzen und sich emotional soweit zu öffnen, dass sie überhaupt die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die Arbeit über den Lohnerwerb hinaus einen Mehrwert für den persönlichen Lebenssinn bieten kann. Dies kostet Mühe, die aber von den Vorgesetzten nicht abgenommen werden kann.

Was halten Sie von dem heute so häufig benutzten Begriff der “Work-Life-Balance”?
Die ursprüngliche Intention hinter dem Begriff der Work-Life-Balance war die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Der Zusammenhang, in dem diese Wortschöpfung heute meist gebraucht wird, ist ein ganz anderer, nämlich der des “Hier die Arbeit, dort das eigentliche Leben”. Im Bewusstsein der Begrenztheit unserer Lebenszeit muss es dann als Zumutung erscheinen, dass so viel dieser Zeit mit der “unfruchtbaren”“ Arbeit verbracht werden muss. So prägt dieser Begriff meiner Erfahrung nach häufig doch in einer unguten Weise die Einstellung zur Arbeit. Man muss sich daher hüten, wann man diesen Begriff wirklich gebraucht.

Anzustreben ist, so schreiben Sie, dass der Einzelne in seiner Arbeit mehr als nur den Lohnerwerb sucht und in ihr die Möglichkeit der Erfüllung von Lebenszielen sieht. Ist das auch für diejenigen möglich, die unter ungünstigen äußeren Bedingungen und mit nur sehr geringer Autonomie arbeiten müssen?
Falls vom einzelnen Arbeitnehmer prinzipiell akzeptiert ist, dass in der ausgeübten Tätigkeit ein über den reinen Lohnerwerb hinausgehender Sinn gesehen werden kann, so ist dazu Folgendes zu bemerken: Der Begriff der “ungünstigen Bedingungen” ist ein relativer. Werden sie als notwendig im Ablauf der Produktion erkannt und wird das Produkt akzeptiert und als wichtig angesehen, so werden die “ungünstigen Bedingungen” eher akzeptiert. Ein niedriger Grad an Autonomie kann als eine von verschiedenen ungünstigen Arbeitsbedingungen angesehen werden. Auch hier stellt sich die Frage der rationalen und emotionalen Akzeptanz. Über die Anerkennung der geleisteten Arbeit und des fertig gestellten Produktes durch die Vorgesetzten hinaus ist es in dieser Konstellation aber zusätzlich wichtig, dass auch die schwierigen Arbeitsbedingungen als solche, in welcher Form auch immer, wahrgenommen und anerkannt werden. Durch die explizite Würdigung der Arbeitsumstände werden in gewissem Ausmaß die Handlungsfreiheit und damit auch die Möglichkeit der Eigenmotivation zurückgegeben.

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Das Interview führte Ute Meinert-Kaiser

Kurz-Intervideos im Video mit den Herausgebern des Praxishandbuchs psychische Belastungen im Beruf:

Hier finden Sie einen Rückblick der Fachtagung “Psychische Belastungen im Beruf” vom 27. und 28. Mai 2010 in Bad Münstereifel.

Zur Person: Priv.- Doz. Dr. med. Detlev Jung, Leitender Betriebsarzt, Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF); Privatdozent am Institut für Arbeits-, Sozial-, und Umweltmedizin der Johannes Gutenberg Universität in Mainz.