Interview mit Herrn Olaf Petermann

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Olaf Petermann

Ein Blick über die Grenzen

Die Diskussion über die Zunahme von psychischen Fehlbeanspruchungen ist in Deutschland allgegenwärtig. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht beispielsweise in den Medien über Stress, Depression und Burn-out berichtet wird. Wie dieses Thema in der internationalen Arbeitswelt diskutiert wird, darüber sprach Prävention aktuell mit Olaf Petermann, dem Vorsitzenden des besonderen Ausschusses für Prävention bei der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS).

Herr Petermann, in Deutschland wird in den letzten Jahren verstärkt über eine Zunahme psychischer Fehlbeanspruchungen sowie seelischer Erkrankungen im Beruf berichtet. Sie sind häufig im Ausland unterwegs. Ist die Zunahme von arbeitsbedingtem Stress dabei ein Thema?

Ja, überall auf der Welt sind psychische Fehlbeanspruchungen ein Thema. Auf jedem Arbeits- und Gesundheitsschutzkongress – egal auf welchem Kontinent. Das verwundert auch nicht, denn durch die Globalisierung werden die Arbeitsbedingungen immer härter, insbesondere durch Zeitdruck, Wettbewerb, steigende Anforderungen an Quantität und Qualität der Arbeit. Besonders die Suizidfälle bei einem chinesischen Elektronikkonzern und bei der France Telekom haben weltweit für Aufsehen gesorgt. Die IVSS hat das Thema der psychischen Fehlbeanspruchungen bei der Arbeit neben den klassischen Arbeits- und Gesundheitsschutzthemen auf ihre Agenda geschrieben.

Die Stärkung der Gesundheit bei arbeitsbedingten psychischen Belastungen ist ein Schwerpunkt der zweiten GDA-Periode. Sind Ihnen vergleichbare Initiativen in anderen Ländern bekannt?

Schon seit den 60er-Jahren gibt es in vielen Ländern Kampagnen zu bestimmten Themen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes, insbesondere im angloamerikanischen Raum, aber auch in Südamerika. Zum Thema psychische Fehlbeanspruchungen gibt es international viele Aktionen, Initiativen und Programme. Häufig wird das Thema eingebunden in andere Arbeits- und Gesundheitsschutzthemen, beispielsweise bei der Prävention von Muskel- und Skeletterkrankungen.

Insofern ist es beachtenswert, dass ab 2013 in Deutschland das neue GDA-Ziel “Schutz und Stärkung der Gesundheit bei arbeitsbedingter psychischer Belastung” bundesweit und trägerübergreifend angegangen wird.

Sehen Sie die Möglichkeit, im internationalen Rahmen gemeinsame Aktivitäten zur Verhinderung von arbeitsbedingtem Stress zu entfalten oder stehen noch zu viele Hürden im Weg?

Internationale Zusammenarbeit und gemeinsame Aktivitäten sind wünschenswert. Auch wenn noch unterschiedliche wirtschaftliche und soziale Verhältnisse in den Ländern der Welt vorherrschen, so gleichen sie sich immer mehr an. Die internationale Zusammenarbeit im Bereich der Prävention führt zur Verbesserung der Standards in der Welt, das hat man schon beim “klassischen” Arbeits- und Gesundheitsschutz gesehen.

Nach Auffassung der Spitze der IG Metall gibt es in Deutschland eine Regelungslücke zur Verhinderung arbeitsbedingter psychischer Fehlbeanspruchungen. Es wird bereits über eine “Anti-Stress-Verordnung” nachgedacht. Was halten Sie persönlich davon?

Ob es gleich eine umfassende Anti-Stress-Verordnung sein muss oder eine Ergänzung und Klarstellung im Arbeitsschutzgesetz ausreichend ist, muss die Politik entscheiden. Fakt ist, dass das Thema psychische Belastungen und Beanspruchungen im Arbeitssicherheitsgesetz bei den Aufgaben der Arbeitsmediziner und in der Bildschirmverordnung angesprochen wird. Auch gibt es eine Normenreihe ISO EN DIN 10075, die sich mit psychischen Belastungen und Beanspruchungen bei der Arbeit beschäftigt. Es fehlt aber eine “klare Ansage” im Arbeitsschutzgesetz, was die Prävention von psychischen Fehlbeanspruchungen betrifft. Sie werden nicht ausdrücklich erwähnt. Gewissermaßen sind sie in dem Begriff arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren versteckt.

Bei der dritten Fachtagung “Psychische Belastungen und Gesundheit im Beruf”, die Sie gemeinsam mit Partnern regelmäßig in Bad Münstereifel veranstalten, referierte Frau Silvie Siffermann über die Strategie der französischen Regierung nach den Selbstmorden bei der France Telekom. Wird es auch im nächsten Jahr einen Blick über die Grenzen geben?

Auf jeden Fall ist es sinnvoll, Gäste aus anderen Ländern mit hinzuzuziehen. Das war nur ein Anfang. Ein erweiterter Blick über Deutschlands Grenzen hinaus wird zeigen, dass wir in Deutschland auf dem richtigen Weg sind, aber wir auch von anderen lernen können.

Das Interview führte Ute Meinert-Kaiser, Leiterin des Universum Instituts.
E-Mail: ute.meinert-kaiser@universum.de

Zur Person:

Der Jurist Olaf Petermann ist seit 2008 Vorsitzender des besonderen Ausschusses für Prävention bei der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) und seit 2010 Vorsitzender der Geschäftsführung der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM).

Die BG ETEM ist die gesetzliche Unfallversicherung für rund 3,8 Millionen Beschäftigte in etwa 200.000 Mitgliedsbetrieben. An insgesamt 14 Standorten kümmern sich 1.700 Beschäftigte um Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz in den Mitgliedsbetrieben sowie um Rehabilitation und Entschädigung von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten.

Die IVSS ist die weltweit führende internationale Organisation, die nationale Verwaltungen und Träger der sozialen Sicherheit zusammenbringt. Sie stellt Informationen, Forschung und Expertenwissen sowie Foren für die Mitglieder zur Förderung einer dynamischen sozialen Sicherheit auf internationaler Ebene bereit. Die Vereinigung zählt heute rund 340 Mitgliedsinstitutionen aus knapp 150 Ländern. Das IVSS-Sekretariat hat seinen Sitz beim Internationalen Arbeitsamt in Genf.