Interview mit Herrn Dr. Walter Eichendorf

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Dr. Walter Eichendorf

Psychische Fehlbeanspruchungen reduzieren!

Die betrieblichen Ausfallzeiten durch psychische Fehlbeanspruchungen steigen. Um sie wieder zu reduzieren und diese Fehlbeanspruchungen zu vermeiden, hat die „Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA)“ die Prävention psychischer Fehlbeanspruchungen zu einem der drei Ziele ihrer neuen Periode in den sechs Jahren 2013 bis 2018 erklärt. „Prävention aktuell“ sprach darüber mit Dr. Walter Eichendorf, stv. Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV).

Herr Dr. Eichendorf, “Schutz und Stärkung der Gesundheit bei arbeitsbedingter psychischer Belastung” lautet ein Ziel der zweiten Periode der GDA von 2013 bis 2018. Welche Entwicklungen haben in erster Linie zu der Entscheidung geführt, diesen Schwerpunkt zu setzen?

In den letzten Jahren wurde zunehmend deutlicher erkennbar, dass bei den Ausfallzeiten in den Betrieben die auf psychische Fehlbeanspruchungen zurückgehenden Diagnosen zunehmen. Ähnliches gilt für die zunehmenden Ausfallzeiten durch Muskel-Skelett-Erkrankungen, insbesondere im Bereich des Rückens. Dieses veränderte Erkrankungsspektrum stellt die Betriebe und deren Arbeitsschutzorganisation vor erhebliche Schwierigkeiten. Deshalb war es nur konsequent, neben der Arbeitsschutzorganisation die nächsten sechs Jahre nur zwei besonders wichtigen Themen zu widmen: Die Vermeidung psychischer Fehlbeanspruchungen und die Vermeidung von Fehlbelastungen im Muskel-Skelett-Bereich.

Welche Handlungsfelder sind zur Vermeidung psychischer Fehlbeanspruchungen in den nächsten sechs Jahren vorgesehen?

Es sind zwei Handlungsfelder und ein gemeinsames, zwischen Bundesregierung, Ländern, Unfallversicherung, Arbeitgebern und Gewerkschaften abgestimmtes Arbeitsprogramm. Die Handlungsfelder lauten:

  • arbeitsbedingte psychische Belastungen frühzeitig erkennen und im Hinblick auf Gesundheitsgefährdungen beurteilen
  • präventive, arbeitsorganisatorische sowie gesundheits- und kompetenzfördernde Maßnahmen zur Verminderung arbeitsbedingter psychischer Gefährdungen entwickeln und umsetzen

Wesentlich in diesem Kontext ist die Beratung der Betriebe. Was können die Unfallversicherungsträger dabei leisten?

Viele Unfallversicherungsträger bieten über die Aufsichtsdienste sowie ihr fachlichen Experten eine direkte Beratung einzelner Betriebe an. Plant ein Betrieb beispielsweise erstmalig eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen durchzuführen, kann er seine zuständige Aufsichtsperson ansprechen. Diese wird sie entweder selbst beraten oder Kontakt zu Psychologen oder anderen Experten beim Unfallversicherungsträger herstellen.

Darüber hinaus gibt es von den Unfallversicherungsträgern sowie auch von der DGUV vielfältige Publikationen, die Unternehmen praxisnah dabei unterstützen, Maßnahmen im Bereich der psychischen Belastungen zu planen. Da sei zum Beispiel die Broschüre “So geht’s mit Ideentreffen” erwähnt. Diese Broschüre wurde von Vertretern der Unfallversicherungsträger und der DGUV erarbeitet und bietet gerade auch für kleine Unternehmen ein erprobtes Vorgehen zur Ermittlung betrieblicher und dabei auch psychischer Belastungsfaktoren.

Weiterhin bieten sowohl die Unfallversicherungsträger als auch die Bildungseinrichtungen der DGUV Qualifikationsmaßnahmen zum Thema an.

Wie schätzen Sie die Kenntnis der Akteure im Arbeitsschutz über psychische Gefährdungsfaktoren ein? Gibt es hier Nachholbedarf?

Wir erleben bei den Unfallversicherungsträgern und auch beim Spitzenverband derzeit einen starken Anstieg bei der Nachfrage nach Qualifikationsmaßnahmen und Beratung zu diesem Thema. Auch auf dem freien Markt ist die Nachfrage sehr gestiegen. Insofern dürfte die Zahl von inner- und außerbetrieblichen Akteuren, die inzwischen über entsprechende Kenntnisse verfügen, spürbar gewachsen sein. Eine aktuelle Umfrage der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zeigt aber, dass bisher nur 20% aller Betriebe in Deutschland psychische Belastungen im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung erheben. Als Hauptgrund werden sehr häufig fehlendes Wissen und eine mangelhafte Qualifikation angegeben. Insofern muss man wohl konstatieren, dass nach wie vor trotzdem ein großer Nachholbedarf besteht.

In Ihrem Vortrag auf der “Fachtagung psychische Belastungen und Gesundheit im Beruf” in Bad Münstereifel nannten Sie als präventive Maßnahmen unter anderem die “Reduktion ungünstiger Faktoren” in der Arbeitsorganisation, der Arbeits- und der Aufgabengestaltung. Welche Faktoren sind damit gemeint und wie kann man diesen entgegenwirken?

Ungünstige Faktoren in der Arbeitsorganisation sind beispielsweise ein Mangel an Information zu betrieblichen Abläufen, häufige Störungen bei der Bearbeitung konzentrationsintensiver Aufgaben, unvorhersehbare Arbeitszeiten oder auch ein häufiger starker Termindruck. Hinsichtlich der Arbeitsgestaltung können das unter anderem schlechte klimatische Bedingungen, eine unzureichende Beleuchtung oder fehlende Aufenthaltsräume für Pausen sein. Bei der Aufgabengestaltung können unklare Arbeitsaufträge sowie unter- oder überfordernde Aufgaben Beispiele darstellen. Diese Faktoren führen häufig zu negativen Beanspruchungsfolgen bei den Mitarbeitern, auch wenn sich die Mitarbeiter natürlich in ihrer konkreten Reaktion voneinander unterscheiden.

Um diesen Faktoren entgegenzuwirken, müssen sie zuerst einmal überhaupt ermittelt werden. Häufig kennen die Mitarbeiter zwar solche Faktoren, sie werden aber nicht mit der Unternehmensführung diskutiert oder sind dort teilweise auch gar nicht bekannt. Im Rahmen der schon erwähnten Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen werden solche Faktoren systematisch ermittelt und möglichst in Abstimmung mit den Mitarbeitern Maßnahmen abgeleitet, die diesen Faktoren entgegenwirken.

Gibt es weitere Schwerpunktbereiche für präventive Maßnahmen?

Im betrieblichen Alltag spielen natürlich auch soziale Faktoren eine wichtige Rolle. Das betrifft zum Beispiel das Führungsverhalten, als einer sehr bedeutsamen Variable, aber auch die Unterstützung durch Kollegen und das soziale Klima im Unternehmen generell. Sicher kann die Unternehmensleitung nicht jeder Auseinandersetzung zwischen Kollegen präventiv entgegenwirken. Das soziale Klima kann aber gerade durch die Leitung und das Management entscheidend geprägt werden. Wertschätzung und faires Feedback sind hier zwei Stichworte, die Vorbildwirkung entfalten.

Ist die ständige Erreichbarkeit der Beschäftigten, auch in der Freizeit, ein Faktor bei der Zunahme psychischer Fehlbelastungen und gibt es Empfehlungen Ihrerseits zum Umgang damit?

Ständige Erreichbarkeit ist eine psychische Belastung, die aber nicht zwingend zu negativen Folgen führen muss. Eine Studie, die das IAG, das Institut für Arbeit und Gesundheit der DGUV in Dresden, gerade durchgeführt hat, zeigt, dass viele Beschäftigte zwar auch über ihre offizielle Arbeitszeit hinaus erreichbar sind; es berichtet aber nur ein geringer Teil negative Auswirkungen auf das eigene Wohlbefinden. Meine Empfehlung geht trotzdem dahin, dass Unternehmen möglichst nicht von ihren Mitarbeitern fordern, dass sie in ihrer Freizeit erreichbar sind. Es sollte genau überlegt werden, wann das wirklich notwendig ist. Wichtig sind dann vor allem konkrete Absprachen zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern. Die Studie des IAG hat übrigens auch gezeigt, dass viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zwar glauben erreichbar sein zu müssen, aber gar keine offizielle Anweisung von ihrer Führungskraft erhalten haben.

Das Interview führte Ute Meinert-Kaiser, Leiterin des Universum Instituts

Zur Person:

Dr. Walter Eichendorf, ist stv. Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) und Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR). Bei der DGUV leitet er den Geschäftsbereich Prävention. Der Physiker stieß nach mehreren Auslandsjahren in der astrophysikalischen Forschung 1983 zum damaligen Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften (HVBG). Dort leitete er zunächst die Statistik, dann ab 1990 die Öffentlichkeitsarbeit und wurde 1998 stellvertretender Hauptgeschäftsführer. Seit 2003 ist Dr. Eichendorf zudem Vizepräsident der Sektion Forschung und seit 2011 Vizepräsident der Sektion Präventionskultur der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS). National und international wirkt er in Vorständen und Beiräten vieler Präventionsinstitutionen.

Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA)

Mensch und Arbeit. Im Einklang.
Die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA) ist eine auf Dauer angelegte konzertierte Aktion von Bund, Ländern und Unfallversicherungsträgern zur Stärkung von Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz. Über eng am betrieblichen Bedarf orientierte Arbeitsschutzziele, transparente und praxisgerechte Vorschriften und Regeln sowie zeitgemäße Beratungs- und Überwachungskonzepte sollen Anreize für die Betriebe geschaffen werden, auf allen Ebenen des betrieblichen Gesundheitsschutzes eine nachhaltige und langfristig angelegte Präventionspolitik zu betreiben.
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