Interview mit Frau Dr. Marlen Cosmar, IAG Dresden

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Dr. Marlen Cosmar

Work-Life-Balance: Beruf und Privatleben vereinbaren

Die Grenze zwischen Arbeit und Privatem verschwimmt immer mehr. Warum eine ausgewogene Work-Life-Balance so wichtig ist und wie sich das Gleichgewicht wiederherstellen lässt, darüber sprach Prävention aktuell mit der Psychologin Dr. Marlen Hupke, Referentin im Bereich “Psychische Belastungen und Gesundheit” beim IAG in Dresden.

Frau Dr. Cosmar, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf- und Privatleben geht, wird häufig der Begriff der Work-Life-Balance verwendet. Was verstehen Sie selbst unter dem Begriff?

Letztlich geht es bei der Work-Life-Balance darum, wie sich Anforderungen bei der Arbeit mit Anforderungen und Bedürfnissen im Privatleben vereinbaren lassen. Dabei ist die Unterteilung in Arbeit auf der einen Seite und “das restliche Leben” auf der anderen Seite sicher nicht ganz glücklich. Die Gegenüberstellung betont aber anderseits den hohen Stellenwert der Arbeit im Leben vieler Menschen und die Schwierigkeiten, diese mit anderen Lebensbereichen zu vereinbaren. Insofern regt der Begriff eine wichtige Diskussion an.

Welche Rolle spielen moderne Kommunikationsmittel wie Smartphones und Notebooks für die Work-Life-Balance? Sind sie eine Chance für eine bessere Balance oder bergen sie eher das Risiko, dass sich die Lebensbereiche vermischen? Und was kann der Einzelne tun?

Immer mehr Arbeitgeber ermöglichen es ihren Mitarbeitern, zumindest Teile ihrer Arbeit an einem selbst gewählten Ort und zu einer selbst gewählten Zeit zu verrichten. Das schafft Flexibilität beispielsweise für Arztbesuche, Besorgungen, für Pflege- und Erziehungsaufgaben und kann eine große Entlastung darstellen. Es lässt sich aber auch beobachten, dass es vielen Arbeitnehmern schwer fällt, Arbeit und Freizeit noch klar voneinander zu trennen: Oft dehnen sich die Arbeitszeiten unbemerkt aus oder die Arbeit wird sogar in die Nacht verlagert. Mitunter fällt es auch schwer festzulegen, wann man erreichbar ist und wann nicht. Hier müssen klare Regelungen getroffen und auch eingehalten werden. Die gewonnene Flexibilität erfordert also ein hohes Maß an Selbstorganisation und -kontrolle, die mitunter vielleicht mehr Ressourcen kostet als spart.

Was sind aus Ihrer Sicht die wesentlichsten Faktoren, um eine ausgewogene Work-Life-Balance zu erreichen?

Flexible Arbeitszeitregelungen und die Möglichkeit, auch einmal fern vom eigentlichen Arbeitsplatz zu arbeiten, sind wesentliche Faktoren, um eine ausgewogene Work-Life-Balance zu erreichen. Eine klare Prioritätensetzung bei der Arbeit wie auch in allen anderen Lebensbereichen ist ebenfalls unverzichtbar. Hier sollte sich jeder ab und zu fragen, ob die verfolgten Ziele in der aktuellen Situation noch die richtigen sind. Mitunter ist es vielleicht besser, die Arbeitszeit für einige Zeit zu reduzieren und dafür die Karriere etwas aufzuschieben. Oder das Ehrenamt im Verein ruhen zu lassen, auch wenn es sehr viel Freude macht. Solche Entscheidungen tun weh, aber sie sind oft unverzichtbar, wenn die Gesundheit und auch das Klima in der Familie nicht gefährdet werden sollen.

Wie wirkt sich eine gestörte Work-Life-Balance auf die Gesundheit des Betroffenen aus?

Sind die Anforderungen bei der Arbeit und in den sonstigen Lebensbereichen zu hoch, leiden die Betroffenen häufig unter Stress. Der Körper versucht auf diese Weise Ressourcen zu aktivieren, um die Anforderungen doch zu bewältigen. Treten solche Stressreaktionen nur für kurze Zeit auf und gibt es genügend Erholungsphasen, zum Beispiel am Feierabend oder am Wochenende, ergeben sich kaum negative Konsequenzen. Halten Stresszustände aber über längere Zeit an, können sich Erkrankungen einstellen. Dazu gehören zum Beispiel Erschöpfung oder eine erhöhte Infektanfälligkeit bis hin zu manifesten gesundheitlichen Beeinträchtigungen wie Herz-Kreislauf- oder auch psychischen Erkrankungen.

Können Sie das an einem konkreten Beispiel erläutern?

Das Müttergenesungswerk hat gerade Zahlen veröffentlicht, nach denen Mütter zunehmend an psychischen Beschwerden wie Depressionen, Schlafstörungen oder auch akuten Belastungsstörungen leiden und deshalb Kurmaßnahmen beantragen. Ständiger Zeitdruck wird dabei als ein wesentlicher Bedingungsfaktor benannt. Davon dürften primär berufstätige Mütter betroffen sein, die entsprechend über keine ausgeglichene Work-Life-Balance verfügen. Das dauerhafte Stresserleben, das sich als Folge entwickelt, ist einer der größten Risikofaktoren für die benannten psychischen Beschwerden.

Flexiblere Arbeitszeiten werden oftmals als geeignetes Mittel dargestellt, um die Vereinbarkeit von Beruf- und Privatleben für die Mitarbeiter zu verbessern. Schaut man sich aber beispielsweise die Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland an, kommen Zweifel auf: Fast jede zweite arbeitet in Teilzeit. Woran liegt das?

Zu einen sind natürlich nicht an allen Arbeitsplätzen flexible Arbeitszeiten möglich. Das trifft zum Beispiel für Schichtarbeitsplätze zu. Unzureichende Betreuungsangebote für Kinder oder pflegebedürftige Angehörige sind vielerorts sicher ein weiterer wichtiger Grund dafür, dass Frauen nicht voll erwerbstätig sind. Es muss aber trotzdem festgestellt werden, dass solche flexibleren Regelungen für viele Beschäftigte eine Vollzeiterwerbstätigkeit überhaupt erst ermöglichen. Ein Allheilmittel sind sie sicher nicht.

Was bedeutet das für die berufliche Karriere?

In vielen Unternehmen in Deutschland ist eine Karriere in der Regel nur dann möglich, wenn in Vollzeit gearbeitet wird. In Führungspositionen finden sie kaum Teilzeitbeschäftigte. Einige Firmen versuchen dieses Problem aber gezielt anzugehen, indem sie beispielsweise auf einer Führungsposition zwei Teilzeitkräfte beschäftigen oder indem Führungskräfte, während sie in Teilzeit arbeiten, bei administrativen oder Routinetätigkeiten gezielt entlastet werden. Solche Maßnahmen erfordern häufig einen größeren organisatorischen Aufwand und sind sicher nicht überall umsetzbar. Sie können aber am Ende für Unternehmen sehr wertvoll sein, um Fachkräfte zu binden und die Arbeitszufriedenheit zu erhöhen.

Welche betrieblichen Maßnahmen sollten Ihrer Meinung nach in Deutschland stärker gefördert werden, um eine bessere Vereinbarkeit zwischen Berufs- und Privatleben zu gewährleisten?

Flexible Arbeitszeiten bzw. auch -orte können sehr hilfreich sein. Möglichkeiten zur Karriere trotz vorübergehender Teilzeit sind ebenfalls für viele Mitarbeiter ein großer Vorteil. Von den Unternehmen angebotene Betreuungsplätze für Kinder oder zumindest eine Notfallbetreuung sind ein weiterer wichtiger Baustein. Auch Information und Unterstützung des Unternehmens bei der Suche nach Betreuungsangeboten können die Vereinbarkeit fördern.

Wie halten Sie es selbst?

Bei uns im IAG ist die Arbeitszeit seit etwa einem Jahr sehr flexibel geregelt. Beginn und Ende der täglichen Dienstzeit können innerhalb eines groben Zeitrahmens individuell verteilt werden. Wichtig ist nur, dass das Stundenkonto nicht ins Minus rutscht. Natürlich muss dabei jeder Mitarbeiter gewährleisten, dass alle Termine wahrgenommen werden. Ich nutze die Regelung, um beispielsweise auch einmal etwas später anzufangen oder einen privaten Termin am Nachmittag wahrzunehmen.

Das Interview führte Jens Meiselwitz,
info@praevention-aktuell.de

Zur Person

Dr. Marlen Cosmar
Die Psychologin Dr. Marlen Cosmar ist am Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG) beschäftigt. Als Referentin im Bereich “Psychische Belastungen und Gesundheit” befasst sie sich mit den Themen:

  • Ermittlung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz
  • Prävention und Umgang mit psychischen Erkrankungen bei der Arbeit (Depression/Burnout, Sucht)
  • Gesundheitsförderliche Führung

Frau Dr. Cosmar hielt auf der diesjährigen Fachtagung Psychische Belastungen und Gesundheit im Beruf einen Vortrag zum Thema Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Privatleben. Ihren Vortrag können Sie auf dieser Website: www.universum.de/fachtagung unter Rückblick 2012 herunterladen.