Interview mit Frau Dr. Annelore Seibt

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Dr. Annelore Seibt

Nacht- und Schichtarbeit

Bäcker, Barkeeper oder Berufskraftfahrer: Nachtarbeit gehört für viele Menschen zum beruflichen Alltag. Allein in Deutschland arbeiten mehr als drei Millionen Menschen nachts. Welchen Belastungen sie ausgesetzt sind, darüber sprach Prävention aktuell mit der Arbeitsmedizinerin Dr. Annelore Seibt.
Frau Dr. Seibt, Nachtarbeiter klagen häufig über Schlafstörungen. Was passiert bei Schlafmangel in unserem Körper genau?

Der Mensch ist tagaktiv! Das bedeutet, seine Körperfunktionen unterliegen einer Tagesperiodik, die ihn zu Leistungen am Tag und zur Erholung in der Nacht befähigt. Nachts im Schaf stellen sich unsere Körperfunktionen auf Erholung ein; z. B. werden die Körpertemperatur, der Blutdruck, die Atemfrequenz gesenkt und das Immunsystem gestärkt. Aber glauben Sie nicht, dass unser Gehirn in dieser Zeit nicht aktiv ist! Während des Schlafes werden Tageseindrücke verarbeitet, im Traum nach Lösungswegen gesucht, Gelerntes wiederholt und gefestigt, unsere „Festplatte Gehirn“ von Überflüssigem befreit. Schlafmangel gefährdet diese für die physische und psychische Leistungsfähigkeit wichtigen Funktionen. Das führt dazu, dass die für unser Wohlbefinden wichtige circadiane Rhythmik – unsere “innere Uhr” – gestört wird.

Welche gesundheitlichen Risiken sind damit verbunden?

Die Defizite einer durchwachten Nacht können zwar durch ausreichend erholsamen Schlaf in der folgenden Nacht ausgeglichen werden. Folgen aber mehrere Nachtschichten hintereinander wird es kritisch: Ab der dritten durchwachten Nacht versuchen sich unsere Körperfunktionen an diesen veränderten Schlaf-Wach-Rhythmus anzupassen — was ihnen aber nicht gelingt. Dies führt häufig zu Befindlichkeitsstörungen, Tagesmüdigkeit, Mangel an Konzentration sowie verlangsamtem Reaktionsvermögen. Abhängig von weiteren Einflussfaktoren, z. B. verkürzter und gestörter Tagschlaf nach der Nachtarbeit, können Krankheiten resultieren wie psychosomatische Funktionsstörungen, Herz-Kreislauf- und Magen-Darm-Erkrankungen.

Wie viel Schlaf braucht ein Erwachsener, um sich von der Arbeit zu erholen?

Das Schlafbedürfnis ist individuell unterschiedlich und auch vom Lebensalter abhängig. Für den Erwachsenen genügen sechs (höheres Lebensalter) bis acht Stunden (Jüngere). Wichtig ist nicht nur die Dauer, sondern auch die “Qualität des Schlafes”. Der Schlafrhythmus kann durch Stress, beruflichen Ärger, aber auch in Erwartung freudiger Ereignisse gestört sein. Ebenso kann zu viel Licht von außen, ungünstiges Raumklima sowie Außenlärm die Schlafqualität beeinflussen.

Wie kann man die Schlafqualität verbessern?

Ausreichend Schlaf beginnt bereits mit dem richtigen Schichtsystem. Maximal drei Nachtschichten nacheinander sind für die Schlafqualität besser als eine ganze Woche Nachtschicht am Stück. Dem Schichtarbeiter empfehle ich nach der Nachtschicht eine Sonnenbrille zu tragen, um den Körper besser auf den Schlaf vorzubereiten: Denn mit Einbruch der Dunkelheit produziert unser Gehirn das körpereigene Schlafhormon Melatonin. Es durchströmt den ganzen Körper. Man fühlt sich müde und kann besser einschlafen. Während helles Tageslicht die Melatoninbildung ausbremst.

Auch ein kleiner Spaziergang nach der Nachtschicht kann die notwendige Schläfrigkeit einleiten. Anschließend noch ein leichtes Frühstück. Das Schlafzimmer sollte abgedunkelt sein, möglichst frei von Außenlärm und eine Raumtemperatur von 16 bis 18 Grad Celsius aufweisen. Ein knapp zwei Stunden dauernder Schlaf am späten Nachmittag kann dem Nachtarbeiter zusätzlich gut tun.

Natürlich spielen auch unsere Gene eine wichtige Rolle, wenn es darum geht die Beanspruchungen der Nachtarbeit besser zu kompensieren. Menschen mit einem späten Chronotyp, die man auch als Eulen bezeichnet, fällt es leichter sich an den veränderten Schlaf-Rhythmus anzupassen.

Was für ein Chronotyp sind Sie eigentlich?

Ich bin leider ein typischer Morgentyp, also eine Lerche. Das bedeutet, dass der Fernsehschlaf spätestens um 22:00 Uhr bei mir beginnt und der Nachtschlaf um 6:00 Uhr endet! Dafür bin ich bereits am Morgen schon gut gelaunt!

Welche Rolle spielt die körperliche Fitness?

Angemessene körperliche Aktivität trainiert Herz und Kreislauf und baut Stress ab! Beispielsweise mit einem leichten 30-minütigen Lauftraining bzw. straffem Spaziergang dreimal die Woche ist schon viel getan! Auch ein betriebsärztlich moderiertes Gesundheitstraining im Betrieb kann das zum Teil gering ausgeprägte Gesundheitsbewusstsein fördern.

Aber dadurch bleibt noch weniger Zeit für die Familie und den Freundeskreis.

Man spricht von sozialer Desynchronisation, wenn man die Folgen der Schichtarbeit auf das Privatleben betrachtet! Hier spielen zusätzliche Einflussfaktoren aus dem betrieblichen, gesellschaftlichen und privaten-familiären Bereich eine große Rolle. Wird die Leistung Schichtarbeit gesellschaftlich und betrieblich anerkannt? Erhalte ich bei Weiterbildungsmaßnahmen Unterstützung durch meine Vorgesetzten? Wie steht meine Familie zu meiner Arbeitszeit?

Wenn diese Fragen im Interesse des Schichtarbeiters beantwortet werden können, wird die psycho-soziale Beanspruchung im Familien- und Freundeskreis besser toleriert. Spätschichten und Wochenendarbeit sind am wenigsten beliebt, da hier die soziale Desynchronisation am stärksten wirkt.

Was sollte Ihrer Meinung nach das Unternehmen beachten, wenn es einen neuen Schichtplan einführen möchte?

Das Arbeitszeitgesetz fordert eine wissenschaftlich begründete Arbeitszeitgestaltung. Oftmals unterschätzt wird jedoch die Mitwirkung durch die Schichtarbeiter selbst. Sie sind im Hinblick auf die Vor- und Nachteile von Schichtplänen wichtige Erfahrungsträger. Ich empfehle deswegen eine Einführungsstrategie, die auch eine Akzeptanz des neuen Schichtplanes seitens der Schichtarbeiter erwarten lässt.

Gibt es aus Ihrer Sicht branchenspezifische Unterschiede?

Ja, die gibt es. Betrachten wir z. B. den Dienstleistungsbereich. Hier entscheidet die Inanspruchnahme durch den Kunden, wann wie viel Personal verfügbar sein sollte. Es resultieren individuell auf den Arbeitsprozess abgestimmte Arbeitszeiten.

Und welche Rolle spielt dabei der Betriebsarzt?

Der Betriebsarzt ist als Fachberater für alle Fragen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes im Unternehmen wirksam. Er berät sowohl den Unternehmer als auch die Arbeitnehmer. Seine Kenntnisse der betrieblichen Situation und der individuellen Leistungsvoraussetzungen der Beschäftigten befähigen ihn, Maßnahmen der betrieblichen Prävention und der individuellen Prävention zu empfehlen.

Eine letzte Frage: Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zur Nacht- und Schichtarbeit. Aber warum ist Ihrer Meinung nach die Umsetzung der wissenschaftlichen Erkenntnisse in die betriebliche Praxis so schwierig?

Arbeitszeitgestaltung ist ein sehr komplexes Thema, auf das vielfältige Einflussfaktoren und die unterschiedlichsten Interessen einwirken. Der “perfekte” Schichtplan berücksichtigt daher die betriebswirtschaftlichen Interessen des Unternehmens, die individuellen Wünsche des Schichtarbeiters, die arbeitswissenschaftlichen Empfehlungen sowie die Vorgaben des Arbeitszeitgesetzes in einer angemessenen Art und Weise. Pauschale Empfehlungen führen jedoch nicht zum Ziel. Betriebe und Beschäftigte brauchen praxisnahe Lösungen für ihren betrieblichen Alltag.

Das Interview führte Jens Meiselwitz,
info@praevention-aktuell.de

Zur Person:

Dr. Annelore Seibt
Die Arbeitsmedizinerin Priv.-Doz. Dr. med. habil. Annelore Seibt ist freiberuflich und bevorzugt im Auftrag der THUMEDI-Präventionsmanagement GmbH tätig. Sie befasst sich mit den Themen:

  • Arbeitsmedizinische Betreuung von Klein- und Mittelbetrieben, z.B. im Auftrag der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe (BGN)
  • Arbeitsbedingte Gesundheitsrisiken an Arbeitsplätzen mit statischer Beanspruchung der Schulter-Nacken-Muskulatur und Maßnahmen der Verhaltensprävention mittels Muskulatur-Biofeedback
  • Ergonomische Gestaltung von Büro- und Bildschirmarbeitsplätzen
  • Arbeitsmedizinische Betreuung von Lehrern
  • Arbeitszeitgestaltung, Schicht- und Nachtarbeit

Frau Dr. Seibt hielt auf der diesjährigen Fachtagung Psychische Belastungen und Gesundheit im Beruf einen Vortrag zum Thema Nacht- und Schichtarbeit. Ihren Vortrag können Sie auf dieser Website: www.universum.de/fachtagung unter Rückblick 2012 herunterladen.