Interview Herrn Prof. Dr. Thomas Weber

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Prof. Dr. Thomas Weber

Arbeitsmedizin Rhein-Main 2012

“Die Ansprüche an den heutigen Betriebsarzt sind sehr hoch und weit gefasst.”

Prävention aktuell sprach mit Professor Dr. med. Thomas Weber, Direktor des Instituts für Arbeitsmedizin, Prävention und Gesundheitsförderung der Dr. Horst Schmidt Kliniken in Wiesbaden, über aktuelle Fragen der Arbeitsmedizin sowie die arbeitsmedizinische Fortbildungsveranstaltung am 16. Juni 2012 im Wiesbadener Kurhaus.

Herr Professor Dr. Weber, seit über 10 Jahren führen Sie arbeitsmedizinische Fortbildungsveranstaltungen in Wiesbaden durch. Die neue Veranstaltung “Arbeitsmedizin Rhein-Main” fand zum ersten Mal in Kooperation mit zwei anderen wissenschaftlichen Leitern aus dem Rhein-Main-Gebiet statt. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

Die Arbeitsmedizin ist einem schnellen Wandel unterworfen und überschreitet kontinuierlich ihre bisherigen Grenzen. Sie muss sich in einer sich wandelnden Realität von Arbeit und Gesundheit ständig neu behaupten. Das braucht Fortbildung, kollegialen Austausch und auch eine verstärkte Netzwerkbildung zwischen sonst häufig allein agierenden Kollegen.

Diesen Ansprüchen wird eine regionale Veranstaltung mehr gerecht, die drei Institute im Rhein-Main-Gebiet mit ihren Repräsentanten als Pfeiler hat.

Ein Thema im Kurhaus war das Projekt “ABBA: Alternative betriebsärztliche Betreuung von Arztpraxen”. Was ist darunter zu verstehen?

In kleinen und mittleren Unternehmen ist der Arbeits- und Gesundheitsschutz häufig nicht ausreichend realisiert. Dies trifft auch auf Arztpraxen zu. Bei ABBA handelt es sich um einen Modellversuch der Landesärztekammer Hessen und der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) zur Realisierung und nachgehenden Unterstützung des in der Deutschen gesetzlichen Unfallversicherung Vorschrift 2 (DGUV V2) vorgesehenen Unternehmermodells. Es finden regelmäßige Seminare hierzu in Bad Nauheim statt. Für die Landesärztekammer Hessen organisatorisch federführend ist die Bezirksärztekammer Wiesbaden – die Verantwortung als Kursleiter trage ich.

Der Vortrag im Kurhaus zu ABBA sollte niedergelassenen Ärzten eine bequeme Informationsmöglichkeit bieten. Da das Modell ergänzend zu einer teilweisen Eigenverantwortung der niedergelassenen Kollegen für betriebsärztliche Aufgaben – anlassbezogen auch regional tätige Arbeitsmediziner – benötigt, sollte dieser Vortrag auch ein Appell an Arbeitsmediziner sein, sich zu beteiligen.

Das Projekt ABBA ist in dieser Form als Weiterbildungsprojekt in Kooperation mit einer Berufsgenossenschaft vorbildlich. Wird es woanders weitere derartige Projekte geben?

Das Modell dient dem generellen Anliegen, Kleinbetriebe verstärkt an die für alle Unternehmen verpflichtenden Aufgaben des Arbeits- und Gesundheitsschutzes heranzuführen. Es berücksichtigt andererseits die besondere Rolle von niedergelassenen Ärzten, die für ihre eigenen Mitarbeiter “betriebsärztliche” Leistungen teilweise durchführen sollen, allerdings teilweise aber auch nicht durchführen dürfen. Ich gehe davon aus, dass das Modell weitere Verbreitung finden wird. Es deutet sich bereits jetzt an, dass die Veranstaltung auch hierzu einen Anstoß gegeben hat.

Auf der ersten gemeinsamen Veranstaltung dieser Art hat sich die Zusammenarbeit der drei Partner im Rhein-Main-Gebiet als sehr erfolgreich gezeigt.

Dass die Tagung als Fortbildungsveranstaltung erfolgreich sein würde, war aufgrund einer sorgfältigen Auswahl von Referenten, Themen und der Tagungsmodalitäten zu erwarten. Überrascht haben die gute Stimmung und die besonders positiven Rückmeldungen.

Eine Veranstaltung unter ähnlichen Vorzeichen mit
• an den Bedürfnissen der Teilnehmer orientierten Themen
• den drei das Rhein-Main-Gebiet symbolisierenden wissenschaftlichen Leitern
• niedrigschwelliger Zugangsvoraussetzung
• und einem attraktiven Ort wie dem Wiesbadener Kurhaus
ist für das kommende Jahr geplant und scheint bereits jetzt erfolgversprechend.

Die Arbeitsmedizin ist ein Fachgebiet mit zahlreichen unterschiedlichen Schwerpunkten. Was hat sich Ihrer Meinung nach in diesem Gebiet in den letzten zehn Jahren am meisten verändert und worin bestehen für Sie aktuell die stärksten Herausforderungen?

Die Arbeitsmedizin hat sich formal von einem Werkzeug des Arbeitsschutzes mit der Verhinderung hauptsächlich von Unfällen und Berufskrankheiten zu einem umfassenden, prozesshaft gesteuerten Instrumentarium der Prävention aller arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren entwickelt. Das letztgenannte, im Arbeitsschutzgesetz 1996 festgeschriebene Ziel, hat die Arbeitsmedizin wesentlich umgeformt und verändert sie noch. Bei Gefährdungsbeurteilungen sind über alle anderen Risiken hinaus die psychischen Belastungen und Beanspruchungen mit einzubeziehen – das ist auch heute noch eine große und nur teilweise gelöste Herausforderung für die Arbeitsmedizin.

Zudem sind der Arbeitsmedizin gerade in den letzten 10 Jahren entscheidende weitere Aufgaben als “Kür” zugewachsen. Diese lassen sich mit Begriffen wie Betriebliche Gesundheitsförderung und Betriebliches Gesundheitsmanagement skizzieren.

Dabei besteht auch ein Paradigmenwechsel mit einem Wandel des Betrachtungshorizonts von hauptsächlich der betrieblichen Primär- und Sekundärprävention zu einer Synthese mit der ergänzenden Tertiärprävention und der Gesundheitsförderung. Dies bedeutet verstärkt die Einbeziehung der Arbeitsverhältnisse auf der Ebene von Arbeitsorganisation, Management und Führung, hinsichtlich der psychischen Belastungen und Beanspruchungen, aber auch des Verhaltens, des Lebensstils und der Eigenverantwortung Beschäftigter. Darüber hinaus verlangt dies auch verstärkt die Berücksichtigung chronisch kranker und älterer Mitarbeiter sowie ein optimiertes Management der Wiedereingliederung von Langzeitkranken wie es das Sozialgesetzbuch vorsieht.

Die Ansprüche an den heutigen Betriebsarzt sind sehr hoch und weit gefasst. Um diesen gerecht zu werden, braucht er zunehmend eine höhere fachliche und persönliche Kompetenz, wodurch er am ehesten dem Bild eines kompetenten Gesundheitsmanagers entspricht.

Das Interview führte Ute Meinert-Kaiser, Leiterin des Universum Instituts.
E-Mail: ute.meinert-kaiser@universum.de

Zur Person

Herr Prof. Dr. med. Thomas Weber ist Facharzt für Innere Medizin, Facharzt für Arbeitsmedizin,
Honorarprofessor der Fachhochschule Frankfurt am Main,
Direktor des Instituts für Arbeitsmedizin, Prävention und Gesundheitsförderung,
HSK, Dr. Horst Schmidt Kliniken GmbH,
Ludwig-Erhard-Str. 100,
65199 Wiesbaden

Weitere Informationen zur Veranstaltung unter: www.arbeitsmedizin-rhein-main.de