Interview mit Herrn Prof. Dr. med. Volker Köllner

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Prof. Dr. med. Volker Köllner

Psychische Störungen: Wenn die Seele leidet

Heute werden rund 12 Prozent aller Krankheitstage durch psychische und psychosomatische Erkrankungen verursacht. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht beispielsweise in den Medien über Stress, Depression und Burn-out berichtet wird. Aber wie sah es vor 10 Jahren aus? Und wie kann die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz gestärkt werden, darüber sprach Prävention aktuell mit dem Rehabilitationsforscher und Psychotherapeuten Professor Volker Köllner.

In zahlreichen Veröffentlichungen wird von einem starken Anstieg psychischer Störungen in den vergangenen Jahren berichtet. Können Sie diese Entwicklung bestätigen?

Psychische Störungen haben heute eine viel stärkere Bedeutung für die Arbeitswelt als noch vor zehn oder 20 Jahren. Bis zur Jahrtausendwende waren orthopädische Erkrankungen die häufigste Ursache für ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Erwerbsleben. Heute werden wegen psychischer Erkrankungen mehr Menschen vorzeitig berentet als wegen Rückenproblemen, Herzkreislauf-erkrankungen und Krebserkrankungen zusammengenommen. Bei insgesamt stabilem Krankenstand haben sich die Krankschreibungen wegen psychischer und psychosomatischer Erkrankungen in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Insofern ist die stärkere Bedeutung dieser Krankheitsgruppe für die Arbeitswelt unstrittig und gut mit Zahlen belegt.

Psychische Störungen nehmen also zu?

Die Frage, ob dahinter ein echter Anstieg steckt, ist schwerer zu beantworten. Wahrscheinlich sind es drei Effekte:

Zum einen fällt es uns heute leichter, über psychische Erkrankungen zu reden. Die Betroffenen sind also eher bereit, über ihre Symptome zu reden und eine entsprechende Diagnose zu akzeptieren.

Zum anderen hat sich die Arzt-Ausbildung auf diesem Gebiet deutlich verbessert. Psychosomatische Medizin ist Pflichtfach im Studium, der Facharzt für psychosomatische Medizin hat sich inzwischen etabliert und immer mehr Hausärzte machen eine Ausbildung in psychosomatischer Grundversorgung. Deswegen wird heute zum Beispiel hinter dem chronischen Schmerz eher die seelische Ursache entdeckt und behandelt.

Schließlich kommt es aber wohl tatsächlich zu einem Anstieg der psychischen Störungen. Im nationalen Gesundheitssurvey, bei dem mehrere tausend Menschen als repräsentative Stichprobe 1998 gründlich befragt und untersucht worden, zeigte sich in der Wiederholungsmessung 2010 ein Anstieg gerade im Bereich der depressiven Symptome. Die genauen Zahlen werden gerade durch das Robert-Koch-Institut ausgewertet.

Was sind die häufigsten psychischen Störungen, die Sie in Ihrer Rehaklinik behandeln?

Die häufigsten psychischen Störungen in unserer Rehaklinik sind: Depression, Ängste, chronische Schmerzen sowie stressbezogene Symptome wie die posttraumatische Belastungsstörung oder Anpassungsstörung. Von den Betroffenen wird immer wieder Burn-out als Diagnose benannt. Burn-out ist aber keine medizinische Diagnose im eigentlichen Sinne, sondern eher ein Prozess, der zu einer Erkrankung führen kann. Bei dieser Erkrankung handelt es sich dann meistens um eine Depression, Panikstörung, Schlafstörungen, chronische Schmerzen oder hohen Blutdruck.

Welche Therapieformen wenden Sie in der Regel an?

Im Zentrum der Behandlung steht in einer psychosomatischen Klinik die Psychotherapie. Hierbei kommen in ihrer Wirksamkeit wissenschaftlich belegte Therapieformen wie Verhaltenstherapie und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie zur Anwendung, vor allem als Gruppentherapie. Manche Patienten sind hiervon am Anfang etwas enttäuscht, weil sie die Gruppentherapie für die “Sparvariante” von einer Einzeltherapie halten. Dies ist aber nicht richtig. Bei der Mehrzahl der Krankheitsbilder ist Gruppentherapie mindestens genau so wirksam wie Einzeltherapie ‒ oft ist ihre Wirksamkeit sogar noch besser belegt, zum Beispiel beim Fibromyalgie-Syndrom. In einer Gruppe werden Selbsthilferessourcen geweckt und man merkt, dass man mit seinem Problem nicht alleine ist. Im Abschlussgespräch sagen daher viele Patienten, dass sie von den Gruppen in besonderem Maße profitiert hätten. Ressourcenaktivierend wirken auch Mal-, Gestaltungs-, Tanz- oder Musiktherapie, die ebenfalls zum Behandlungskonzept gehören.

Ebenso wichtig ist in unserer Rehaklinik die Ergotherapie, in der für einen Wiedereinstieg in den Beruf notwendige Fertigkeiten gezielt trainiert und berufsspezifische Probleme bearbeitet werden können. Einen immer wichtigeren Stellenwert nimmt die Sport- und Bewegungstherapie ein. Wir wissen, dass zum Beispiel regelmäßiges Ausdauertraining bei Depression und Ängsten ähnlich gut wirkt wie ein antidepressives Medikament.

Wie lange dauert eine medizinische Rehabilitationsmaßnahme in Ihrer Rehaklinik?

Eine medizinische Rehabilitationsmaßnahme dauert in der Regel fünf bis sechs Wochen. Die überwiegende Mehrzahl der Patienten kann als arbeitsfähig entlassen werden oder es wird von der Rehaklinik ‒ mit Unterstützung der Deutschen Rentenversicherung ‒ eine stufenweise Wiedereingliederung in den Beruf eingeleitet.

Gibt es auch Fälle, in denen Sie Patienten nicht weiterhelfen können?

Selbstverständlich gibt es auch Patienten, denen wir leider nicht helfen können. Ein Arzt, der behauptet, er könne jedem helfen, ist meiner Meinung nach nicht seriös. In einigen Fällen merken wir schon bei der Aufnahme, dass der Patient zu schwer erkrankt ist, um überhaupt rehafähig zu sein. Wir bemühen uns dann um die Verlegung in eine Klinik, wo dem Patienten besser weitergeholfen werden kann. In anderen Fällen war unsere Therapie zwar hilfreich, aber noch nicht ausreichend, um wieder arbeitsfähig zu sein. In diesem Falle unterstützen wir die Patienten dabei, weitere Behandlungs-möglichkeiten wohnortsnah zu finden. Manchmal sind aber auch alle Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft und der Patient muss lernen, dies zu akzeptieren und mit einer Restsymptomatik zu leben.

Sind Ihrer Meinung nach bestimmte Berufsgruppen besonders gefährdet?

Unser Eindruck ist, dass gerade Pflegeberufe und andere soziale Berufe, zum Beispiel Erzieher und Sozialarbeiter, besonders häufig von einer depressiven Erkrankung im Sinne eines Burn-outs betroffen sind. Bei Pflegeberufen kommt häufig eine Kombination mit chronischen Schmerzerkrankungen hinzu. Menschen, die in sozialen Berufen arbeiten, haben in der Regel ein hohes Verantwortungsgefühl und können sich daher bei einer Leistungsverdichtung nicht so gut abgrenzen. Auch in anderen Berufsfeldern kann es jedoch spezifische Belastungen geben: Bankangestellte leiden zum Beispiel vermehrt darunter, dass sie zu der Zeit, als sie ihren Beruf gewählt haben, ihre Kunden neutral beraten konnten. Inzwischen wächst aber der Druck, bestimmte “Produkte” zu verkaufen, Zahlen zu bringen, egal ob dies den Bedürfnissen des Kunden entspricht oder nicht. Viele Angestellte kommen hier in einen inneren Konflikt, der sie krank macht.

Wenn die Situation am jeweiligen Arbeitsplatz bei der Entstehung einer psychischen Störung eine wesentliche Rolle gespielt hat, wie kann verhindert werden, dass der Patient nach der Rückkehr in den Betrieb wieder erkrankt?

Es ist eine wichtige Aufgabe der Rehabilitationsklinik, für die Nachhaltigkeit des Behandlungs-ergebnisses zu sorgen. Der Wiedereinstieg in den Beruf ist natürlich eine kritische Situation, die bereits in der Klinik gut vorbereitet wird, zum Beispiel üben die Betroffenen in Rollenspielen sich besser abzugrenzen oder Konflikte anzusprechen. Häufig hilft eine stufenweise Wiedereingliederung dabei, nicht direkt in den “alten Trott” zu verfallen. Darüber hinaus gibt es spezifische Angebote der Reha-Nachsorge, sowohl in wohnortsnahen Gruppen als auch zunehmend als Email- oder Telefon-nachsorge.

Welche Instrumente setzen Sie in Ihrer Rehaklinik zur Dokumentation der Erkrankung ein?

Die Grundlage aller Diagnostik ist nach wie vor das ärztliche Gespräch, die Anamnese. Diese wird natürlich auch gut dokumentiert. Darüber hinaus setzen wir zur Ergänzung standardisierte Messverfahren ein, hierzu gehören Fragebögen, die wesentliche Symptomgruppen wie Angst, Depressivität oder Körpersymptome erfassen. Im Kontext der Rehabilitation spielen auch berufsbezogene Fragebögen eine große Rolle, zum Beispiel der Bogen zur Erfassung arbeitsbezogener Erlebens- und Verhaltensmuster (AVEM). Wir setzen alle Fragebögen bei der Aufnahme und bei der Entlassung der Patienten ein. Diese werden elektronisch ausgewertet, so dass das Ergebnis sofort vorliegt. Der Therapeut kann mit seinem Patienten also sowohl nach dem Aufnahmegespräch als auch im Entlassungsgespräch die per Fragebögen dokumentieren Befunde und Veränderungen besprechen.

Geben Sie Ihre Erfahrungen an andere Einrichtungen weiter?

Der Wettbewerbsgedanke im Gesundheitswesen darf nicht dazu führen, dass Informationen zum Schaden der Versicherten gehortet oder monopolisiert werden. Daher geben wir Erfahrungen, die wir im Rahmen der Diagnostik und Therapie sammeln, gerne weiter, zum Beispiel innerhalb des Erfahrungsaustausches in unserer Klinikgruppe. Als forschende Rehaklinik stellen wir unsere Befunde selbstverständlich bei wichtigen Kongressen wie dem Reha-Kolloquium und dem deutschen Psychosomatik-Kongress oder in Fachzeitschriften vor.

Sie propagieren einen positiven Einfluss von Sport und Bewegung auf die psychische Gesundheit. Welche Tipps geben Sie Ihren Patienten?

Der Einfluss von Sport und Bewegung auf die seelische und körperliche Gesundheit wurde tatsächlich lange Zeit unterschätzt. Der wichtigste Tipp, den ich geben kann, ist: Fangen sie an, etwas zu tun! Effektiv sind zum Beispiel Nordic Walking, Joggen, Radfahren, Schwimmen oder Tanzen. Sie können sich also aussuchen, was Ihnen den meisten Spaß macht und was sie am besten in ihren Alltag integrieren können. Sie haben bereits einen kleinen Effekt, wenn sie eine halbe Stunde pro Woche investieren. Hauptsache, sie machen es regelmäßig. Dieser Effekt steigt allerdings, wenn sie mehr tun, optimal sind cirka drei bis vier Stunden pro Woche. Es ist besser, erst einmal klein anzufangen und sich dann langsam zu steigern. Mark Twain hat einmal gesagt: “Kontinuierliche Verbesserungen sind besser als die hinausgezögerte Vollkommenheit.”

Wie sieht es mit der körperlichen Fitness bei Ihnen selbst aus?

Ich selbst bin erst recht spät, mit cirka 40, zum Ausdauertraining gekommen. Erst bin ich gewalkt und vor zwei Jahren habe ich mit dem Joggen angefangen. Wichtig war für mich die Erfahrung, Bewegung erst einmal auszuprobieren. Ich hatte ehrlich gesagt eine ziemliche Horrorvorstellung davon, wie sich Sport anfühlt und wie es einem hinterher geht. Denn ich war über Jahrzehnte ein Bewegungsmuffel. Als ich mich darauf eingelassen habe, das Walken auszuprobieren, war ich nach dem ersten Mal völlig überrascht, wie angenehm es sich angefühlt hat und ab da war es nicht schwer, weiterzumachen. Ich versuche, dreimal die Woche entweder zu Laufen oder ins Fitness-Studio zu gehen ‒ das schaffe ich allerdings nicht immer. Ganz eisern bin ich aber darin, wenigstens einmal pro Woche sportlich aktiv zu sein. Wenn ich laufe, dann kann es gerne auch anderthalb Stunden dauern. Beim Laufen kann ich am besten abschalten. Wenn ich nicht zum Laufen komme, dann fühle ich mich einfach unausgeglichen.

Das Interview führte Ute Meinert-Kaiser, Leiterin des Universum Instituts.
ute.meinert-kaiser@universum.de

Zur Person:

Prof. Dr. med. Volker Köllner ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Verhaltenstherapie und systemische Familientherapie. Er leitet die Fachklinik für Psychosomatische Medizin an den MediClin Bliestal Kliniken im saarländischen Blieskastel und ist Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes.

Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit chronischen Schmerzen und somatoformen Störungen, Psychokardiologie, Psychotraumatologie und gilt auch als ausgewiesener Experte bei allen Fragen zu Stress am Arbeitsplatz.